Anleihen ETF haben ein großes Problem
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Bond-ETFs erfreuen sich wachsender Beliebtheit, doch sie stecken in einigen systematischen Schwächen, die oft übersehen werden. Wer in Anleihen-ETFs investiert, sollte sich der Risiken bewusst sein.
Das Klumpenrisiko trifft Anleihen ETF stärker als Aktien ETF
Ein zentrales Problem bei Renten-ETFs ist das sogenannte Klumpenrisiko. Diese ETFs weisen häufig eine hohe Konzentration auf bestimmte Schuldner, Währungen oder Laufzeiten auf. Die Konzentration ist um einiges höher als bei Aktien-ETF.
Als Beispiel dient der Anteil der Top 5 Schuldner im beliebten iShares Global Government Bond ETF: 92 % des Index sind in nur 5 Schuldner investiert. Zum Vergleich: Im MSCI World Index sind “nur” 18% des Index in die 5 größten Unternehmen investiert.
Vergleich der Diversifikation im Anleihen ETF “iShares Global Government Bonds” und dem bekannten Aktien ETF “iShares Core MSCI World”.
In einem ETF wird oft nur in Anleihen investiert, die eine gewisse Mindestgröße haben, um die nötige Liquidität zu gewährleisten. An sich eine gute Idee, denn der Bondmarkt hat seine eigenen Handelsregeln und ist für Außenstehende weniger transparent als der Aktienmarkt. Dieses eingeschränkte Anlageuniversum schränkt den Spielraum für ETF allerdings ein und macht das Portfolio gegebenenfalls anfälliger für unerwartete Ereignisse bei einzelnen Emittenten.
Die Marktgewichtung erhöht bei Anleihen das Risiko, bei Aktien den Gewinn
Ein weiterer kritischer Punkt ist das starre, passive Management der ETFs. Die meisten Indizes, auf denen diese Renten-ETFs basieren, sind marktwertgewichtet. Das bedeutet: Je höher der Marktwert eines Wertpapiers, desto stärker ist es im Index – und damit auch im ETF – vertreten.
Bei Aktien kann dieser Mechanismus durch den Momentum-Effekt durchaus von Vorteil sein. Der Wert eines Unternehmens, das auf den richtigen Trend setzt, wird konstant stark wachsen. Als Anleger partizipiere ich hier zu 100%. Bei Anleihen halte ich diese Gewichtung jedoch für extrem gefährlich, denn je mehr Schulden ein Staat oder ein Unternehmen macht, desto größer der Marktwert der Schulden, desto eher kann es zahlungsunfähig werden.
Zusätzlich profitiere ich bei Anleihen weniger vom starken Wachstum. Die maximale Auszahlung, und somit auch die Wertsteigerung einer Anleihe, ist begrenzt auf den Zinskupon + Nominalwert. Mein Verlust hingegen kann bis zum Totalverlust gehen. Das heißt, als Anleihen Investor versuche ich das Ausfallrisiko des Schuldners so gering wie möglich zu halten, denn ich kann keine unerwarteten Ten-Bagger wie bei Aktien erreichen. Bei Aktien ist die maximale Auszahlung theoretisch unbegrenzt. Einige riesen Gewinner können locker auch einen Totalverlust in einer anderen Aktie ausgleichen.
Die Marktgewichtung bei Anleihen ETF kann zu Verlusten durch Zwangsverkäufe führen
Stellen wir uns vor, ein Unternehmen mit guter Bonität – Firma A – hat bereits Anleihen in einem ETF. Diese Anleihen sind gefragt, der Preis ist hoch und die Rendite entsprechend niedrig. Um von den aktuell niedrigen Zinsen zu profitieren, beschließt Firma A, vermehrt Schulden aufzunehmen. Da der ETF den Marktwert der ausstehenden Schulden abbildet, muss er diese neuen Anleihen kaufen. Mit anderen Worten: Je mehr Schulden Firma A aufnimmt, desto höher wird ihr Anteil im ETF.
Solange die Bonität von Firma A stabil bleibt, scheint dies zunächst unproblematisch zu sein. Doch was passiert, wenn sich die Lage verschlechtert? Irgendwann erreichen die Schulden ein Niveau, bei dem die Kreditwürdigkeit rapide abnimmt. Die Zinsen für neue Schulden steigen, und die Kurse der bestehenden Anleihen fallen. Sobald Firma A unter eine gewisse Bonitätsgrenze rutscht, muss der ETF aufgrund der Bonitätsregeln die Anleihen gar verkaufen – und das oft zu einem niedrigen Preis. Das Resultat ist ein erzwungener Verkauf, der zu höheren Kursverlusten als nötig für die ETF-Anleger führt.
Ablauf wie sich die Erhöhung der Schulden eines einzelnen Schuldners auf den gesamten Renten ETF auswirken kann.
Aktive Anleihenstrategien als Alternative
Diese systematische Schwäche der marktwertgewichteten Anleihen-ETFs zeigt, dass das starre Konzept in der Praxis zu erheblichen Problemen führen kann. Aus diesem Grund bevorzuge ich als Basisinvestment meist eher aktiv gemanagte Anleihenstrategien. Aktive Fonds bieten hier den Vorteil, dass Fondsmanager durch gezielte Analyse die Gewichtung bestimmter Schuldner limitieren können, bevor es zum Bonitätseinbruch kommt. Die Diversifikation ist oftmals auch höher, wie im Beispiel in der Grafik.
Vergleich der Diversifikation im Anleihen ETF “iShares Global Government Bonds” und dem bekannten aktiven Rentenfonds "BGF Global Government Bond”.
Natürlich schlägt nicht jeder aktive Rentenfonds seinen Index. Allerdings ist die Chance bei Rentenfonds um einiges höher als bei Aktienfonds.
Die folgenden Grafiken von www.fondsweb.com zeigen die Rendite und das Risiko von Aktienfonds (links) und Anleihenfonds (rechts). Der Schnittpunkt der gestrichelten Linien ist dabei der Durchschnitt. Als Beispiel für ETFs habe ich den MSCI All Country World Index (ACWI) und den Bloomberg Global Aggregate Bond Index gewählt.
Während der Aktien ETF eine höhere Rendite bei niedrigem Risiko erzielt, ist das Bild bei Anleihen ETF nicht eindeutig. Hier hat der ETF zwar eine geringere Schwankung, aber auch weniger Rendite als der Durchschnitt. Zusätzlich gibt es genügend Rentenfonds, die mehr Rendite bei gleichem Risiko erwirtschaften.
Vergleich der Rendite und des Risiko für den MSCI ACWI im Vergleich zu anderen Weltaktienfonds. Quelle: www.fondsweb.com
Vergleich der Rendite und des Risiko für den Global Aggregate Bond Index im Vergleich zu anderen Rentenfonds. Quelle: www.fondsweb.com
Verstehe Renten ETFs bevor du in sie investierst
Zusammengefasst haben Anleihen-ETFs ein großes Problem: Das Klumpenrisiko, das durch das starre, passive Management und die marktwertgewichtete Struktur gefördert wird. Durch die Funktionsweise von Anleihen, insbesondere die begrenzte höchstmögliche Auszahlung, ist eine Konzentration weniger förderlich als bei Aktien.
Ein Unternehmen, das seine Verschuldung ausweitet, wird automatisch im Portfolio überproportional gewichtet. Sinkt dann die Bonität, sind die ETFs gezwungen, unter ungünstigen Bedingungen zu verkaufen.
Wer in diesem dynamischen Marktumfeld sicher investieren möchte, sollte sich dieser Risiken bewusst sein und gezielt abwägen, welche Strategie zum eigenen Anlageziel passt.
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Über Mich
Ich bin Sebastian, ehemaliger Energiehändler, leidenschaftlicher Privatanleger, Chartered Financial Accountant und vor allem ein Mensch wie du.
Während meiner 10 erfolgreichen Jahre als Energiehändler standen oft die Zahlen im Vordergrund.
Mehr Monitore, mehr Analysen, weniger Mensch.
Trotz meines beruflichen Erfolges war ich irgendwann unzufrieden. Ich wollte Menschen helfen. Insbesondere möchte ich ihnen etwas Nützliches beibringen.
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Heute brenne ich darauf, mein Fachwissen aus über 15 Jahren Erfahrung an Menschen wie dich weiterzugeben.
Neben der praktischen Erfahrung, habe ich einen Universitätsmaster in Quantitative Finance, den CFA (Chartered Financial Analyst) und die österreichische Befähigungsprüfung zum gewerblichen Vermögensberater.
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