Was haben japanische Hausfrauen, faule Kredite in Wien und der Mini Crash Anfang August 2024 gemeinsam?
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Ebisu, Tokyo.
Frau Watanabe hat wieder aus ihrem Wohnzimmer in Tokyo zugeschlagen. Sie hat bei ihrer Bank einen sehr günstigen Konsumkredit aufgenommen. Sie zahlt weniger als 1% Zinsen im Jahr. Nur nutzt sie ihre Yen nicht, um einen neuen Fernseher zu kaufen, sondern wechselt die Yen gegen US Dollar ein. Mit diesen Dollars kauft Frau Watanabe nun US Staatsanleihen. Diese Anleihen sind sehr sicher und bringen ihr ordentlich Zinsen. Je nach Laufzeit ca. 4,5% pro Jahr. Die Differenz zwischen den Kreditzinsen und den Zinsen der Staatsanleihen ist ein sicherer Gewinn für Frau Watanabe.
Zumindest glaubt sie es…
Mariahilf, Wien.
Maximilian will sich endlich eine Eigentumswohnung im 6. Bezirk kaufen. Die 2 Zimmerwohnung liegt genau zwischen der U4 Pilgramgasse und dem Café Jelinek. Für den Kredit geht Maximilian zu einem Finanzierungsberater. Dieser empfiehlt ihm einen Kredit in Schweizer Franken, denn dort sind die Kreditzinsen niedriger. Maximilian nimmt einen Kredit in Schweizer Franken für 20 Jahre auf, muss aber jedes Jahr nur die Zinsen zahlen. Die aufgenommene Kreditsumme zahlt er erst am Ende zurück. Zusätzlich legt er jeden Monat einen gewissen Geldbetrag in Euro an. Die Zinsen belaufen sich auf 1,5% und die Anlage bringt ihm ca. 4% pro Jahr. Maximilian freut sich weniger für seinen Kredit auszugeben und dadurch früher an seine Traumwohnung zu kommen.
Zumindest glaubt er es…
Mitte der 2000er
Diese zwei Szenen sind in den 2000ern täglich passiert. Das Handeln unserer beiden Akteure beschreibt den sogenannten Carry Trade: Man nimmt einen Kredit in einer Währung zu niedrigen Zinsen auf, tauscht dieses Geld in eine andere Währung und legt es dann zu höheren Zinsen in dieser Währung an. Die Differenz ist der Gewinn.
Leider gibt es hier eine Reihe von Risiken, wie die Welt vor einer Woche wieder einmal erfahren durfte: Ändert sich einer der 3 Parameter Kreditzins, Anlagezins oder Wechselkurs unerwartet, kann es zu Turbulenzen am Kapitalmarkt kommen. Besonders wenn schlagartig sehr viele Leute auf dem falschen Fuß erwischt werden und panisch die oben beschriebenen Konstrukte auflösen wollen.
Wall Street, New York.
Kommen wir zuerst einmal zu Frau Watanabe. Bereits zwischen 2007 und 2012 hatte sie mit ihrem Carry Trade vom Wohnzimmer Probleme, da der Yen gegen den Dollar sehr viel an Wert gewonnen hat. Anfang August passierte es dann schon wieder. Was war passiert?
Wechselkurs US Dollar und Japanischer Yen. Der Graph zeigt wieviele Yen du für 1 USD bekommst. Je höher der Wert, desto stärker ist der US Dollar und umgekehrt.
Die Bank of Japan, die japanische Notenbank, hat ihren Leitzins leicht erhöht. Von 0,10% auf 0,25%. Dadurch wird der Kredit von Frau Watanabe teurer und ihr Gewinn weniger. Zusätzlich hat sich der Yen gegen den Dollar verteuert. Anfang Juni hatte sie für jeden US-Dollar, den sie in US Staatsanleihen hat, 160 Yen bekommen. Am Montag den 5. August waren es nunmehr 144 Yen, also 10% weniger!
Vielleicht kann Frau Watanabe diesen Verlust verkraften. Viele Hedgefonds jedoch nicht. Sie finanzieren sich so stark über Kredite, dass sie bei solchen Bewegungen den Carry Trade auflösen müssen bzw. mehr Geld als Sicherheit (im Fachjargon “Margin” genannt) hinterlegen müssen. Entweder verkaufen sie US Staatsanleihen, tauschen dann die Dollar gegen den Yen und zahlen den Yen-Kredit zurück. Alternativ liquidieren sie andere Anlagen wie Aktien oder Gold, um an Geld für die erhöhten Sicherheiten für den Carry Trade zu kommen.
Beides ist passiert. Deswegen ist zum Beispiel auch der Goldpreis trotz der Panik gefallen.
Innere Stadt, Wien, 2011.
Kommen wir jetzt noch zu Maximilian.
Viele Kreditnehmer in Österreich haben es Mitte der 2000er genau gemacht wie er: Einen endfälligen Kredit in Schweizer Franken aufnehmen, niedrige Zinsen zahlen und einen Teil in Euro zu höheren Zinsen anlegen (im Fachjargon heißt das “Tilgungsträger”) um damit die Endsumme des Kredits zu zahlen.
Wechselkurs zwischen Euro und Schweizer Franken. Der Graph zeigt wieviele Franken du für 1 Euro bekommst. Je höher der Wert, desto stärker ist der Euro und umgekehrt.
Wahrscheinlich hat er für jeden Franken Kredit circa 0,70€ bekommen. Über die Zeit ist der Euro stärker geworden und sein Tilgungsträger in Euro wurde immer mehr wert. Am Hochpunkt 2007 war jeder Euro 1,68 CHF wert und somit 15,8% mehr als zur Kreditaufnahme, als 1€ nur 1,45 CHF brachte. Alles super für Maximilian, der sich in seiner Wohnung in Mariahilf pudelwohl fühlt: Er zahlt niedrige Zinsen in Franken, seine Ansparung in Euro bekommt höhere Zinsen und der relative Wert seines Tilgungsträgers gegenüber dem CHF Kredit wächst.
Doch dann kam die Finanzkrise 2008 und danach gleich die Eurokrise.
Der Wechselkurs EUR/CHF brach ein. Zwischenzeitlich war 1€ nur noch 1 Franken wert. Das ist ein Verlust von 40%! Das bedeutete, dass die Anlage von Maximilian seinen Kredit nicht mehr tilgen konnte.
Auch hier forderten einige Banken einen Nachschuss, damit der Tilgungsträger wieder den Fremdwährungskredit deckt. Im schlimmsten Fall blieb einigen Wohnungseigentümern dann nichts anderes übrig, als die Wohnung zu verkaufen, um den Kredit sofort zurückzahlen.
Here we go again and again
Der Carry Trade war wieder einmal in den Medien. Er wird es sicherlich nicht zum letzten Mal sein. Seine Anziehungskraft ist zu groß. Mit diesem Artikel verstehst du jetzt aber hoffentlich seine Risiken besser.
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Über Mich
Ich bin Sebastian, ehemaliger Energiehändler, leidenschaftlicher Privatanleger, Chartered Financial Accountant und vor allem ein Mensch wie du.
Während meiner 10 erfolgreichen Jahre als Energiehändler standen oft die Zahlen im Vordergrund.
Mehr Monitore, mehr Analysen, weniger Mensch.
Trotz meines beruflichen Erfolges war ich irgendwann unzufrieden. Ich wollte Menschen helfen. Insbesondere möchte ich ihnen etwas Nützliches beibringen.
Weniger Monitore, mehr Praxis, mehr Mensch.
Heute brenne ich darauf, mein Fachwissen aus über 15 Jahren Erfahrung an Menschen wie dich weiterzugeben.
Neben der praktischen Erfahrung, habe ich einen Universitätsmaster in Quantitative Finance, den CFA (Chartered Financial Analyst) und die österreichische Befähigungsprüfung zum gewerblichen Vermögensberater.
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Alle zur Verfügung gestellten Informationen (alle Ideen, Meinungen, Ansichten, Annahmen, Kommentare, Hinweise etc.) sind meine persönliche Meinung und dienen allein der Bildung und der Unterhaltung. Sie sind nicht als persönliche Anlageberatung zu verstehen.