Teuer oder günstig? So vergleichst du Aktien richtig
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Am Sonntag war ich wieder einmal am 24h Eierautomat in Radstadt. Dort gibt es frische Eier direkt vom Bauern, aus einem Automaten. Die 10er Packung kostet 4,20€. Ein Ei kostet also 42 Cent. Auf dem Rückweg hatten mein bester Kumpel und meine Frau dann eine Diskussion, ob diese 42 Cent teuer sind oder nicht.
Was meinst du?
Der 24h Eierautomat in Radstadt.
Ei ist nicht gleich Ei und Aktie ist nicht gleich Aktie
Ein Resultat der lebendigen Gesprächsrunde war jedenfalls: Ein Ei ist nicht gleich ein Ei. Es gibt Bio-Eier, Freiland Eier usw. Die Eier können Größe M oder L haben. Den Preis “pro Ei” zu vergleichen ist also etwas irreführend. Wir brauchen eine andere Einheit.
Am Aktienmarkt ist es ähnlich. Der Preis pro Aktie ist erstmal irrelevant. Die Anzahl an Aktien, die jedes Unternehmen herausgibt, ist verschieden und die Unternehmen selbst sind es natürlich auch. Einige wachsen schnell (Nvidia), andere bleiben eher konstant (Deutsche Telekom). Als Investor brauchst du also auch eine andere Vergleichseinheit.
Eine beliebte Kennzahl ist das sogenannte Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Hier setzt man den derzeitigen Kurs der Aktien, also den Preis, ins Verhältnis zum Gewinn pro Aktien. Das KGV sagt dir, wieviele € du je 1€ Unternehmensgewinn zahlst. Je niedriger das KGV, desto “billiger” die Aktie.
Diese Einheit “Gewinn pro Aktie” ist schon einmal besser als nur der Preis pro Aktie. Aber es gibt mit dieser Kennzahl ein großes Problem.
Stillstand im Unternehmen ist Rückschritt.
Das KGV ignoriert das zukünftige Gewinnwachstum des Unternehmens. Wenn ich weiß, dass Infineon in den nächsten Jahren seinen Gewinn vervielfältigen wird, dann zahle ich heute gern mehr für die Firma, als für eine Firma wie die Deutsche Telekom, die ein geringes Gewinnwachstum haben wird. Das KGV von Infineon wird dadurch sehr hoch sein, wohingegen das Kurs-Gewinn-Verhältnis der Deutschen Telekom niedrig ist. Auf den ersten Blick erscheint die Telekom billig und Infineon teuer. Diese Betrachtung ist allerdings zu kurz gegriffen, denn sie vernachlässigt das zukünftige Wachstum.
Der bekannte Starinvestor Peter Lynch hat für dieses Problem eine Lösung: Er setzt das KGV nochmals ins Verhältnis zum erwarteten Gewinnwachstum. Das heißt dann Kurs-Gewinn-Wachstums-Verhältnis (KGWV). Dieses Wortmonster geht gar nicht so leicht über die Lippen, ist aber eine meiner ersten Anlaufstellen zur Bewertung.
Die Idee dahinter ist sehr elegant. Ist der Preis pro Einheit an Gewinn, also das KGV, gleich dem zu erwartenden Gewinnwachstum, dann ist die Aktie fair bewertet. Das KGWV ist dann 1. Liegt die Kennzahl über 1, dann ist die Aktie zu teuer. Ein Wert unter 1 deutet auf ein Schnäppchen hin. Dabei ist es egal, was für eine Aktie dahinter steht.
Bio-Ei, Freiland Ei, M oder L, der Preis ist jetzt vergleichbar!
KGV und KGWV in der Praxis
Schauen wir uns ein Beispiel in der Praxis an. Infineon und die deutsche Telekom sind zwar beide im TecDax notiert, aber vom Unternehmenstyp sehr unterschiedlich. Das Bio-Ei Größe M gegen das Stall-Ei Größe XL.
Betrachtest du als Investor nur das beliebte KGV, dann war Ende 2019 die Telekom mit einem KGV von 17,8 günstiger als Infineon mit 22,0. Das KGV vernachlässigt allerdings das erwartete Gewinnwachstum. Schauen wir uns das KGWV an, dann war Infineon mit einem KGWV von 0,92 weit günstiger als die Telekom mit 2,4.
Der Kursverlauf in der Folge hatte dies auch bestätigt. Infineon in hellrot lieft von 2019 bis 2012 besser als die Deutsche Telekom in Dunkelrot. Selbst wenn man die stattliche Telekom Dividende beachtet.
Rendite inkl. Dividenden von Infineon (rot) und Deutsche Telekom (dunkelrot) zwischen Ende 2019 und Ende 2021.
Ende 2021 hat sich das Bild aber gedreht. Laut Kurs-Gewinn-Verhältnis war die Telekom (KGV 18,7) weiterhin billiger als Infineon (KGV 40,5). Nun hatte sich aber auch die Gewinnerwartung angepasst, und auch laut KGWV war die Telekom nun besser: KGWV Infineon 7,9 vs. Telekom 0,7.
Die Performance von Ende 2021 bis Ende 2023 war dann auch ein Spiegelbild dieser Zahlen: Die Telekom hatte eine Wertsteigerung von 35%, wohingegen Infineon nur 7,8% zulegte.
Rendite inkl. Dividenden von Infineon (rot) und Deutsche Telekom (dunkelrot) zwischen Ende 2021 und Ende 2023.
Das KGWV ist trotzdem keine eierlegende Wollmilchsau
Auch wenn im obigen Beispiel das KGWV komplett richtig lag, solltest du als Investor dich nicht nur auf eine Kennzahl verlassen. Für eine ordentliche Fundamentalanalyse sind auch andere Zahlen und die allgemeine Geschäftsidee wichtig. Das Kurs-Gewinn-Wachstums-Verhältnis ist aber ein super Shortcut, um das riesige Aktienuniversum nach brauchbaren Schnäppchen zu filtern.
Wenn dir das immer noch zu viel Aufwand ist, dann nutze doch wie ich selbst breite ETF oder Fonds. Oder noch besser, lasse dich von einem professionellen Anlageexperten beraten.
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Über Mich
Ich bin Sebastian, ehemaliger Energiehändler, leidenschaftlicher Privatanleger, Chartered Financial Accountant und vor allem ein Mensch wie du.
Während meiner 10 erfolgreichen Jahre als Energiehändler standen oft die Zahlen im Vordergrund.
Mehr Monitore, mehr Analysen, weniger Mensch.
Trotz meines beruflichen Erfolges war ich irgendwann unzufrieden. Ich wollte Menschen helfen. Insbesondere möchte ich ihnen etwas Nützliches beibringen.
Weniger Monitore, mehr Praxis, mehr Mensch.
Heute brenne ich darauf, mein Fachwissen aus über 15 Jahren Erfahrung an Menschen wie dich weiterzugeben.
Neben der praktischen Erfahrung, habe ich einen Universitätsmaster in Quantitative Finance, den CFA (Chartered Financial Analyst) und die österreichische Befähigungsprüfung zum gewerblichen Vermögensberater.
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